Interessante Berichte rund um die Nähmaschine

Diese interessanten und anschaulichen Beschreibungen über die ersten Stunden der deutschen Nähmaschinen Industrie  sind Ausschnitte aus dem Buch "Die Deutsche Nähmaschinen Industrie" von Dr. Walter Köhler aus dem Jahr 1913.

Und wie sah nun so eine Maschine aus, die ganz mit der Hand gearbeitet war?
Die erste Bedingung war Eisen, viel Eisen; denn für das viele Geld, das so eine Maschine kostete, wollte der Käufer auch was sehen, und außerdem sollte die Maschine ja auch für die Kinder und Kindeskinder einmal ausreichen. Der Fabrikant baute also einen Mechanismus zusammen, der für die Ewigkeit berechnet war.
Sehr anschaulich wird so eine Maschine aus der Zeit der Handarbeit in einer älteren Nummer der Deutschen Nähmaschinen Zeitung beschrieben (1897, 10):
"So eine Maschine war eine Art Rhinozeros; grobknochig, wie diese Ungetüme waren, ausgrüstet mit Teilen, deren Ursprung aus Feile, Hammer und Amboss erkennbar war, trug sie so recht das ungeschlachte Gepräge kleiner Werkstätten, denen Fräsmaschinen nur vom Hörensagen bekannt waren. Diese vorsintflutlichen Saurier waren mit Doppeltritt-Pedalen versehen und besaßen Schwungräder in der Größe eines anständigen Wagenrades. Manche waren auch zum Handbetrieb eingerichtet, aber bei Leibe nicht etwa deswegen um den Nähenden zeitweise eine Erleichterung oder Abwechslung zu schaffen, nein, das Ding wollte nämlich manchmal nicht herumgehen, wenn der eine Fuß oben und der andere unten stand. Da galt es dann, den toten Punkt mit der Hand zu überwinden. Und wenn man zufällig einen alten Spuler unter dem alten Eisen findet, wird man denselben eher für eine Uhrmascher-Drehbank ansehen als für einen Spuler zu einer Nähmaschine. Und mit welcher rührenden Gewissenhaftigkeit wurden diese Maschinen hergestellt. Die sämtlichen Fadenführungen liefen in Archat. Diamant war zu teuer, sonst würde man jedenfalls Diamantführungen gewählt haben. Solche Maschinen forderten ihr Jahrhundert in die Schranken, sie waren gefeit gegen Hölle und Teufel"

Es war gewissermaßen über Nacht eine neue Industrie in Deutschland entstanden. Viele der gewandten Mechaniker und Schlosser jener Tage wandten sich der neuen Maschine zu und hofften, durch ein einfaches Nachbauen des Mechanismus zu reichen Leuten werden zu können, wie sie es von den amerikanischen Fabrikanten gehört hatten. Andere wieder suchten allerdings ihren Stolz darin, diesen feinen Mechanismus der Amerikaner womöglich zu verbessern.
In ihrer kleinen Werkstatt, selten mit Hülfe eines Lehrlings oder eines Gesellen, machten sich die Meister an die Arbeit. Mit Zirkel und Winkelmaß, Hammer und Grobfeile mühten sie sich ab, auch Nähmaschinen zu bauen. Hochauf lodert das Schmiedefeuer, hell klang der Hammerschlag auf dem Amboss, als die eiserne Mamsell ihren Einzug in Deutschland hielt. Wohl bauten diese braven Handwerker eine Nähmaschine zusammen, wie sie sie ähnlich als Vorbild erschaut hatten. Aber gar oft wollte die äußerlich so vollkommene Maschine nicht nähen; und was nützt eine Nähmaschine, wenn man mit ihr nicht nähen kann. Wohl hatten diese "Fabrikanten" die beste Absicht und mühten sich redlich, aber es fehlte ihnen die nötige Erfahrung und Vorbildung für einen so komplizierten Mechanismus . Die amerikanischen Fabrikanten dagegen hatten die Maschine selbst konstruiert, hatten jahrelang an ihr gearbeitet, bis sie ihren Wünschen entsprach.
Und ging dem Fabrikanten jener Tage die Erfahrung ab, so fehlte ihm noch eins , ohne das eine Fabrikation wie gerade die der Nähmaschine nicht recht denkbar ist. Es fehlte an Geld.

Ein Name wäre noch in Mitteldeutschland zu erwähnen, den die Literatur und auch unsere Nähmaschinenfabrikanten nicht kennen: ein Mechaniker Stöckigt in Münchenbernsdorf, einem kleinen Ort im Sachsen Weimarischen. Er baute nachweislich im Jahre 1856 seine erste Maschine. Ob er den Gedanken dazu von seiner Wanderschaft, die ihn hauptsächlich durch Sachsen führte, mitbrachte, ist nicht genau nachweisbar. Stöckigt war ein Genie in seiner Arbeit. Neben dem Baue der Nähmaschine und allerlei Verbesserungen, die er daran anbrachte, erbaute er auch nachweisbar die erste deutsche Schreibmaschine, ohne jemals etwas von der amerikanischen Erfindung der Schreibmaschine gehört zu haben. Leider ließ sich dieser Mann nicht dazu bestimmen, seine großen technischen Talente für einen Fabrikbetrieb zu verwenden, es machte ihm mehr Vergnügen, seinen Ideen nachzuhängen und diese mühselig zur Ausführung zu bringen, als mit einem anderen zusammen mit einer fertigen Erfindung ein Vermögen zu verdienen. Stöckigt baute etwa 10 - 12 Jahre seine Nähmaschinen, einige davon existieren heute (1913) noch, später kaufte er seinen Bedarf bei einer Fabrik in Karlsruhe, ging also zum Nähmaschinenhändler über.

Der erste Erbauer einer Nähmaschine in Deutschland war Christian Mansfeld in Leipzig, geboren am 19. Dez. 1819 als Sohn wenig bemittelter Eltern in Prießdorf in Anhalt. Er lernte bei einem Schlossermeister in Leipzig, erweiterte während seiner Lehrzeit seine einfachen Elementarkentnisse durch eifriges Selbststudium und durchzog später als zünftiger Schlossergeselle ein tüchtiges Stück Europas. Längere Zeit arbeitete er in Lyon, Marseille und in der französischen Schweiz, ging dann nach Süddeutschland und kam Ende der vierziger Jahre nach Leipzig zurück, wo er zunächst bei dem Brücken und Dezimalwagenbauer Heß in der Inselstraße Beschäftigung fand.
Hier in Leipzig sah Mansfeld die erste Nähmaschine und neben der Bewunderung für den kunstvollen Mechanismus keimte in seinem Inneren der Gedanke, auch solch eine Maschine zu bauen. Ungeheuer waren die Schwierigkeiten, wenn man bedenkt, das er kein Modell besaß, sondern die Maschine nur nach dem Gedächtnis nachbaute.
Schritt für Schritt verfolgte er sein Projekt und 1853 war endlich sein großer Wurf gelungen; die erste Nähmaschine war in Deutschland selbst angefertigt worden. ...

Diese Beschreibung über den Schneidermeister und Erfinder Joseph Madersperger stammt aus dem Buch "Werkzeuglehre für Nähberufe" von Anton Ott aus dem Jahr 1932

Joseph Madersperger, ein Tiroler Schneidermeister, konstruierte im Laufe von zwei Jahrzehnten drei verschiedene Modelle, die eine fortschreitende Entwicklung zeigen, wie man sie selten antrifft. Bei seinem ersten Modell, 1807, ahmte er genau das Handnähen nach und verwendete noch einen Faden von beschränkter Länge (45 cm); dieser Faden läuft in einer Nadel mit zwei Spitzen, das Öhr in der Mitte. Senkrecht sticht sie in den Stoff, und zwar wechselweise von oben und unten. Diese Maschine arbeitete nicht befriedigend; denn nach Verbrauch des Fadens mußte sie stillgesetzt und wie beim Handnähen neu eingefädelt werden. Aus diesem Grunde kam Madersperger nach vielen Versuchen zum endlosen Faden und schuf 1814 seine zweite Maschine. Diese Konstruktion bringt eine grundlegende Neuerung; denn Madersperger beschränkt sich nicht mehr auf das Nachahmen des Handnähens, sondern gewann zum ersten Male den Steppstich. Der geniale Östereicher verlegte das Öhr an die Spitze der Nadel, die von unten in den Stoff einsticht. Die durch das zurückgleiten der beiden Nadeln (er verwendete zwei Nadeln) entstandenen Schlingen verriegelte er mit einem zunächst noch durch Hand eingezogenen Faden. Später, bei seinem dritten Modell (1830), zieht er den Faden mechanisch durch die Schlingen, um die Leistungsfähigkeit der Maschine zu steigern.
Den Konstruktionen Maderspergers kommt zweifellos ein großes geschichtliches Interesse zu; denn seine Maschine war die erste, bei welcher die Nadel das Öhr an der Spitze trug und die Naht durch Verschlingen von Fäden hergestellt wurde, also einen Steppstich lieferte. Im Prinzip finden sich also hier die bei den heute gebräuchlichen Nähmaschinentypen angewandten Konstruktionen. Deshalb muß man wohl mit Recht Madersperger als den Erfinder der heutigen Nähmaschine bezeichnen. Leider fand diese Maschine keine Verbreitung und wurde nicht weiter entwickelt.

Joseph Madersperger starb völlig verarmt im Armenhaus St. Marx zu Wien am 4. Oktober 1850.